Das Neujahrswunder

Die Silvesternacht ist für alle Einsatzorganisationen herausfordernd. Auch für die Bergrettung. Nach zwei umfangreichen Einsätzen vor vielen Jahren entschieden wir uns in der Bergrettung Innsbruck in der Nacht von 31.12. auf 01.01. eine Bereitschaft einzuführen. BergretterInnen die freiwillig erreichbar sind und einsatzbereit bleiben. Kaum hatten wir die Bereitschaft, passierte nichts mehr. Bis heuer.

Um 22:25 Uhr wurden wir alarmiert. Eine junge Frau die zu Besuch in Innsbruck war, ist zu einer Wanderung in die Kranebitter Klamm aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Abgängigkeiten und Suchen sind Aufgaben der Polizei, im alpinen Gelände werden die Bergrettung und die Suchhunde der Bergrettung nach Maßgabe des Polizeieinsatzleiters dazu alarmiert.

Der Einsatz war in diesem Fall sehr konkret. Die Vermisste hätte keinen Grund gehabt irgendwo anders hin zu wollen oder ihren Plan spontan zu ändern. Ihr Handy war aus, aber es gab eine letzte recht grobe Einbuchung ins Netz, die zum Gebiet der Kranebitter Klamm passte.

Die Klamm ist schon für Ortskundige ein eher anspruchsvolles Gebiet. Schnell verlässt man die schmalen, markierten Steige und befindet sich in absturzgefährdetem Gelände, jetzt auch mit teilweise vereisten Hängen. Erst vor drei Jahren konnten wir einen jungen Mann nur mehr tot aus diesem Gelände bergen.

Der Einsatz wurde von Kranebitten aus geleitet und schnell wurden wir nicht nur von der Polizei samt ihrer Drohne, sondern auch von der Feuerwehr mit Drohne und Suchhunden vom Roten Kreuz unterstützt. Aufgrund des weitläufigen Gebiets wurde ein Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera angefordert, der aber keine Person ausfindig machen konnte. Nach Abgehen der üblichen Steige, verlagerte sich die Suche in den hinteren Teil der Klamm. Die Suche dauerte bereits viele Stunden und aufgrund der eisigen Temperaturen befürchteten wir neben den erwarteten Verletzungen auch eine zunehmend lebensbedrohliche Unterkühlung. Nach und nach wurde die Bergrettung Innsbruck von diversen Ortsstellen der Bergrettung Tirol unterstützt: Hundeführer und bergrettungseigene Drohnen kamen aus den Ortsstellen Hall, Schönwies, Neustift, Ischgl, Leutasch, Oetz und St. Anton. Dieser große Zusammenhalt und diese große Einsatzbereitschaft in den frühen Morgenstunden der Silvesternacht ließen uns staunend dankbar sein.

Gegen 02:00 wurde die Suche immer aussichtloser, die Patientin war bereits seit über 16 Stunden, bei bis zu Minus 10 Grad und vermutlich verletzt, irgendwo da draußen. Da wurden plötzlich Hilfeschreie gehört. Leise und schwach aber doch. Wir gingen von einem baldigen Fund aus, aber es wurde nochmal richtig zäh. Durch die leisen und immer wieder verstummenden Antworten und der Akustik in der Klamm war uns anfangs nicht einmal klar von welcher Talseite sie kamen. Leider konnte auch die Wärmebildkamera des Polizeihubschraubers nichts feststellen. Gegen 04:30 Uhr, die erlösende Meldung: Es gab einen Sichtkontakt! Vier Bergretter mit zwei Hunden hatten unsere Gesuchte Dame gefunden. Bereits das ersteintreffende Personal, zwei Notfallsanitäter davon ein Anästhesiepfleger, waren medizinisch hervorragend ausgebildet und begannen mit der Versorgung.

Der Bergrettungsarzt begann mit weiteren Einsatzkräften den Aufstieg aus der Klamm zum Fundort.

Die Patientin war am Krummer Steig gegen 15:00 Uhr zu Sturz gekommen und sehr weit unterhalb des Steiges zu liegen gekommen. Sie hatte sich noch einige Meter bergauf geschleppt, war dann aber zusammengebrochen. Sie verletzte sich dabei schwer, war zwischendurch immer wieder bewusstlos und stark unterkühlt, aber sie redete mit uns!

Aus dem steilen Gelände über den Krummer Steig oder hinab in die Klamm, wäre mit der Gebirgstrage ein stundenlanger Abtransport geworden. Wir entschieden uns daher mit einer kleinen, medizinischen Mannschaft mit der Patientin zu biwakieren, sie währenddessen zu versorgen und auf das erste Tageslicht zu warten, mit dem eine Taubergung durch den Notarzthubschrauber möglich wäre.

Etwas wehmütig dachten wir an das OEAMTC Pilotprojekt am Christophorus 14 in der Steiermark mit dem bereits rund um die Uhr alpine Hubschrauberrettungen möglich sind.

In Erwartung eines Biwaks hatten wir Daunenschlafsack, Isomatten, Wärmezelte und weiteres Wärmematerial mitgebracht. Unsere Patientin war jung und stark, wir überstanden gemeinsam die Stunden gut. Mit dem allerersten Dämmerlicht kam Christophorus 1 zu einem Erkundungsflug. Wenig später konnten Notarzt und Flugretter um kurz vor 8 Uhr abgesetzt werden, es gab eine Übergabe und eine weitere Versorgung der Patientin. Diese wurde nach 22 Stunden draußen und 17 Stunden verletzt im Absturzgelände, in die Klinik Innsbruck gebracht.

Wir wurden nach vielen Stunden und Höhenmetern dankenswerterweise von der Libelle Tirol ausgeflogen.

Dieser Einsatz war für uns alle etwas Besonderes. Es kommt bei der Bergrettung leider viel zu selten vor, dass wir Menschen unmittelbar das Leben retten können. Viele unserer Einsätze sind leichte bis mittelschwere Verletzungen und bei vielen Patienten kommen wir leider zu spät. Ein solcher Erfolg wie in diesem Neujahr ist nur mit einem sehr großen Team und sehr großer Unterstützung möglich. Die Bergrettung Innsbruck ist traditionell medizinisch sehr gut aufgestellt. Die Nähe zur Klinik sorgt für eine hohe Anzahl an BergrettungsärztInnen, Fachkrankenpflegenden und NotfallsanitäterInnen. Aber es gibt vieles das wir nicht können oder zu wenig haben. So wäre diese Suche ohne die Vielzahl an Suchhunden aus anderen Ortsstellen und den Drohnen von anderen Organisationen und Ortsstellen nicht möglich gewesen. Als Beispiel sei hier die OS Neustift genannt: Alarmiert in den frühen Morgenstunden, um uns mit ihrer Drohne zu unterstützen, trafen sie gerade aus dem Stubaital ein als wir die Patienten gefunden hatten. Die Kameraden dachten nicht lange nach und statt mit der Drohne zu fliegen trugen sie uns unsere Gebirgstrage zur Patientin.

Ein ganz großes Dankeschön geht auch an die Leitstelle Tirol! Trotz der vermutlich arbeitsintensivsten Nacht des Jahres waren die Disponenten stets für uns da, haben aktiv unseren Einsatz verfolgt und uns diverse Male mit Tracking, Peilungen, Positionsübermittlungen, Abklärungen und Nachalarmierungen unterstützt. Respekt für diese Ruhe und Professionalität!

Als ob dieser Einsatz nicht genug wäre brannte kurz nach Mitternacht direkt unterhalb der Einsatzleitung der Müllraum eines Wohnhauses. Bis zum Eintreffen des Regelrettungsdienstes begaben sich zwei BergrettungsärztInnen zum Brand und stellten sich auf eine Erstversorgung ein. Zum Glück sind bei diesem Brand keine Personen zu Schaden gekommen.

Kurz nach Mitternacht bahnte sich der nächste Bergrettungseinsatz an, nachdem der mehrtägige Waldbrand an der Nordkette zu Ende war, entzündete sich im Bereich Hochzirl erneut der Wald. Eine weitere Einsatzmannschaft der Bergrettung Innsbruck rückte in den frühen Morgenstunden aus, um die Feuerwehr Zirl in dem steilen Waldgelände zu unterstützen. (Haselbacher)

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