Unser Einsatzgebiet hat einige wirklich einsame Ecken. Das Kumpfkar mit seinem Gipfel, der Kumpfkarspitze, liegt hinter der Nordkette und wird nur äußerst selten besucht. Ein langer Zustieg, brüchiger Karwendelfels, wenige, dafür sehr alpine Klettertouren und kaum Handyempfang gehören zu den Bedingungen für einen Besuch in diesem abgeschiedenen Teil des Karwendels.
Genau diese Zutaten waren es, die zwei Innsbrucker Kletterer reizten, dort eine neue Route zu eröffnen. Nachdem sie die Kletterroute erfolgreich bewältigt hatten und den Grat zur Kumpfkarspitze erreichten, verschlechterte sich das Wetter zunehmend. Sie entschieden sich daher, ins Kumpfkar abzusteigen und dort dem alten Jägersteig zu folgen. Dieser Steig ist ausschließlich in der Alpenvereinskarte eingezeichnet und in keiner anderen Karte verzeichnet.
Das Wetter wurde immer schlechter. Die beiden mussten sich beeilen, um den Steig möglichst rasch zu finden und ins Kleinkristental absteigen zu können. Langsam wurde es dunkel, der Regen setzte ein und die Orientierung wurde zunehmend schwieriger. Die Latschen wurden immer dichter und das Gelände immer steiler. Bald gab es kein Durchkommen mehr zwischen den meterhohen Latschen und den felsdurchsetzten Hängen. Schließlich erreichten die beiden eine Stelle, an der sie weder vor noch zurück konnten. Rechts von ihnen fiel eine steile Felsrinne ab, links verhinderten dichte Latschen jedes Weiterkommen. Es kam zur klassischen „Blockierung“ – so lautet der alpine Fachbegriff für diese Situation. Den beiden blieb schließlich nichts anderes übrig, als einen Notruf abzusetzen und Hilfe anzufordern.
Die Bergrettung Innsbruck wurde um 22:11 Uhr alarmiert. Im Alarmtext stand der Name eines unserer Bergrettungskameraden. Zunächst glaubten wir, unsere bereits müden Augen hätten sich verlesen. Doch rasch wurde klar: Einer unserer eigenen Bergretter benötigte Hilfe. Damit wurde dieser Einsatz für die gesamte Mannschaft zu etwas ganz Besonderem – Karwendel, Kumpfkar, Nacht, Gewitter und ein Bergrettungskamerad in Not.
Bereits auf der Anfahrt ins Kleinkristental forderte der Einsatzleiter die Unterstützung der Drohneneinheit der Ortsstelle Leutasch an. Wenig später waren fünf Bergretter aus Leutasch mit ihrer Drohne auf dem Weg. Es ist beeindruckend, auf welche Ressourcen die Bergrettung Tirol mittlerweile zurückgreifen kann – und das alles ehrenamtlich.
Am vermuteten Beginn des Jägersteigs richteten wir unsere Einsatzzentrale ein. Die Kameraden aus Leutasch waren bereits eingetroffen und gemeinsam stimmten wir das weitere Vorgehen ab. Ein vierköpfiger Trupp sollte versuchen, zu den in Not geratenen Kletterern vorzudringen und anschließend gemeinsam mit ihnen abzusteigen.
Ausgerüstet mit Seilen, Motorsäge, Benzin, Ersatzstirnlampen und natürlich einer großen Portion Motivation machten sich die vier Bergretter auf den Weg. Sie wollten den beiden Kletterern so schnell wie möglich helfen. Doch schon bald zeigte sich, dass dieses Vorhaben alles andere als einfach werden würde.
Anhand der Alpenvereinskarte versuchten wir, den eingezeichneten Steig zu finden. Laut GPS befanden wir uns genau darauf – doch von einem Steig war weit und breit nichts zu erkennen. Trotzdem stiegen wir steil durch den Wald in felsiges Gelände auf. Bereits kurz darauf kreiste die Drohne über uns und suchte anhand der übermittelten GPS-Koordinaten nach den Kletterern.
Während wir uns Schritt für Schritt nach oben kämpften, suchten wir ständig nach dem kaum mehr erkennbaren Steig. Das Gelände wurde immer anspruchsvoller: steil, rutschig, felsig und von meterhohen Latschen überwachsen. Oft konnten wir nur erahnen, wo der alte Steig einst verlaufen war. Immer wieder mussten wir uns mühsam durch die dichten Bergkiefern kämpfen.
An Stellen, an denen wir nicht mehr weiterwussten, konnte uns das Drohnenteam entscheidend unterstützen. Aus der Luft verschafften sie sich einen genauen Überblick über das Gelände und lotsten uns per Funk in die richtige Richtung. So kamen wir langsam, aber stetig voran.
Schließlich standen wir vor einer kleinen Felswand. Links und rechts verhinderten die dichten Latschen jedes Weiterkommen. Wir waren uns nicht mehr sicher, ob es überhaupt noch einen Weg zu den Kletterern gab. Genau in diesem Moment kam erneut die entscheidende Information aus der Luft: Das Drohnenteam hatte eine steile Rinne entdeckt, die nur wenige Meter von uns entfernt lag und direkt zu den beiden führen sollte.
Um diese Rinne zu erreichen, mussten wir zunächst einige Höhenmeter wieder absteigen. Schließlich fanden wir einen schmalen Durchschlupf durch die Latschen. Die Rinne selbst war steil, felsdurchsetzt und ebenfalls von dichtem Bewuchs geprägt. Ein schnelles Vorankommen war zwar nicht möglich, dennoch kamen wir deutlich besser voran als zuvor.
Mit jedem Meter zog es uns förmlich nach oben. Wir wollten endlich zu den Kletterern gelangen. Schließlich hörten wir ihre Stimmen, und wenige Minuten später konnten wir sie zwischen den dichten Latschen erkennen.
Die Erleichterung war auf beiden Seiten groß. Nachdem wir die Situation abgesichert hatten, bereiteten wir den gemeinsamen Abstieg vor. Über die steile Rinne stiegen wir wieder ab, querten zurück auf den bereits bekannten Steig und erreichten schließlich unsere Kameradinnen und Kameraden, die im Tal auf uns warteten.
Anschließend machten wir uns auf den langen Heimweg. Auf der Möslalm kehrten wir noch kurz ein, um dem Hüttenwirt Alfred für seine Unterstützung zu danken. Bei einem Getränk blieb noch Zeit für einen kurzen Ratscher. Inzwischen war es bereits Morgen geworden, und viele von uns mussten wenige Stunden später wieder zur Arbeit. Deshalb traten wir schließlich die Heimfahrt zu unseren Ortsstellen an.
Besonders hervorheben möchten wir den entscheidenden Beitrag der Drohneneinheit aus Leutasch. Ohne ihre Unterstützung aus der Luft wäre dieser Einsatz deutlich schwieriger gewesen. Sie halfen uns genau in jenem entscheidenden Moment, als wir selbst keinen weiteren Weg mehr sahen. Vielen Dank für die professionelle und unkomplizierte Zusammenarbeit.
Die Bergrettung Tirol ist eine große Familie.
Ein herzliches Dankeschön gilt allen Einsatzkräften, die an diesem nächtlichen Einsatz beteiligt waren, sowie der Leitstelle Tirol, die uns während des gesamten Einsatzes hervorragend aus der Ferne unterstützte und damit wesentlich dazu beitrug, unseren Kameraden sicher aus seiner schwierigen Lage zu befreien. (bb)











